Es ist im Grunde kaum ein Skandälchen: Mark Foley, ehemals republikanischer Abgeordneter im US-Kongreß, hat jugendliche Praktikanten “sexuell belästigt”, wie es heißt, ist deshalb zurückgetreten und hat angekündigt, sich therapeutisch – u.a. wegen übermäßigen Konsums von Alkohol – behandeln zu lassen. Zu sexuellen Übergriffen kam es indes nicht, und auch pädophile Neigungen werden Mark Foley (noch) nicht vorgeworfen. Allerdings finden in fünf Wochen Wahlen zum Kongreß statt – da sind ein paar anzügliche E-Mails oder Kurznachrichten dem politischen Gegner überaus willkommen.
Nicht nur dem freilich, denn etwas verspätet ist das Skandälchen in Deutschland als Skandal angekommen; die Süddeutsche etwa machte prompt auf BILD: “‘Ich vermisse dich’, tippte Mark Foley während einer Abstimmung im Repräsentantenhaus in sein Handy. Der Adressat, ein Junge von vielleicht 16 Jahren, simste zurück: ‘Ich dich auch.’ Und dann wurde der Abgeordnete eindeutig: ‘Kann ich einen richtig guten Kuss haben?’ Sein jugendlicher Partner schickte vieldeutig Sonderzeichen zurück: ‘:-*’.”
Der “Junge von vielleicht 16 Jahren” war mindestens 16 Jahre alt, wie alle Opfer des alkoholkranken Mark Foley, die als “Pagen” im US-Kongreß für ein paar Monate bei den Abgeordneten ein Praktikum absolvieren. Wo die Süddeutsche vieldeutig “vielleicht” sagt, aber eben nur begrenzten Platz hat, dokumentiert SPIEGEL online gleich ein ganzes Chat-Protokoll, offenbart damit aber doch nur die Niveaulosigkeit deutscher Journaille, die zu keiner eigenen Recherche mehr fähig ist, sondern bestenfalls zu lausigen Übersetzungen. Daß und wie die Demokraten das Skandälchen ausschlachten, weil denen sonst wohl nichts einfällt, bleibt bei ihnen völlig unbeachtet.
Das verwundert freilich nicht, denn die Demokraten sind den Deutschen die Guten, während die Republikaner mit George W. Bush einen Präsidenten stellen, dessen Wahl sie den Amerikanern nie verzeihen werden. Und so muß der Autor an einen gewissen Leon Rouse erinnern, der es nicht dabei beließ, jugendliche Minderjährige mit Textbotschaften zu belästigen, sondern es so weit und – für 200 Pesos – mit einem 15jährigen trieb, daß er am 4. Oktober 1995 auf den Philippinen deshalb festgenommen und etwas später zu einer 10- bis 15jährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Er mußte davon nur 8 Jahre im New Bilibid-Gefängnis in Muntinlupa City absitzen.
Am 29. September 2003 nämlich wurde er vorzeitig entlassen und in die Vereinigten Staaten abgeschoben, nachdem man Nierensteine bei ihm diagnostizierte. Einen großen Beitrag zur frühzeitigen Entlassung des Leon Rouse leisteten indes nicht weniger als sieben Demokraten, während es von ihm angeschriebene Republikaner bis auf einen rundweg ablehnten, sich für den verurteilten Pädophilen einzusetzen. Ersteren, also Demokraten, verdankt Leon Rouse denn auch eine Anstellung beim hawaiianischen Legislative Committee, einer Art Expertengremium, das politische Entscheidungsträger berät, nachdem er 2004 wegen – na klar – sexueller Belästigung gefeuert worden war.
Einer seiner Fürsprecher war Richard Port, Ex-Vorsitzender der hawaiianischen Demokraten. In einem flammenden Kommentar verteidigte er sich und Leon Rouse noch im April 2005: “Wo auch immer die Wähler leben, ob in Montana oder Hawaii, sie wollen, daß ihr Abgeordneter für sie da ist, sich für sie einsetzt. Nichts anderes beanspruchte Leon Rouse.” Weshalb er auf den Philippinen einsaß, weshalb er gefeuert worden war, interessierte den Demokraten offenbar nicht, der bis heute keine Gewissensbisse verspürt. Wie sollte er auch? Einer seiner Parteifreunde, Senator Roz Baker stellte 2005 in voller Kenntnis seiner Vergangenheit Leon Rouse ein – und machte ihn damit zum einzigen Angestellten der amerikanischen Legislative, in dessen Kriminal-Akte der Mißbrauch von Kindern aufgeführt wird.
Die moralische Entrüstung der Demokraten über Mark Foley ist daher nichts als Heuchelei, und als solche gehörte sie in einer seriösen Berichterstattung bloßgestellt, zumal Leon Rouse kein Einzelfall ist – im Büro des demokratischen Abgeordneten Barney Frank wurde ein Prostitutions-Ring betrieben, und was Bill Clinton in seinem Oral Office trieb, ist auch nicht unbekannt. Als US-Präsident begnadigte er zudem Mel Reynolds, einen demokratischen Abgeordneten, den der allzu enge Kontakt mit einem minderjährigen Angestellten ins Gefängnis gebracht hatte.
Weshalb all dies in deutschen Medien nicht erwähnt wird, erklärt der Hobby-Medizinmann Bernd Picker in der taz vom 5. Oktober: “Es wäre nur gut und gesund [!], wenn die Republikaner ihre jahrelange Mehrheit im Kongress in diesem November verlören.” Bedauerlich wäre zwar, gesundete Amerika wegen Mark Foley – “Als ob es keine besseren Gründe gäbe!” ruft der taz-Kommentator aus.
Doch auch das wäre ihm recht, denn die wohl kränkelnde amerikanische Öffentlichkeit ist mindestens so vergeßlich wie deutsche Kommentatoren. Die hoffen und bangen zugleich: “Wenn nicht wirklich gewichtige Neuigkeiten über Lügen republikanischer Spitzenleute ans Licht kommen, dürfte auch dieser Skandal sich recht schnell im parlamentarischen Kleinkrieg verlieren, so wie zuletzt die politisch viel bedeutsamere Affäre um die Enthüllung der Identität der CIA-Agentin Valerie Plame. An so etwas verliert die Öffentlichkeit sehr schnell das Interesse.”
tw_24:blog


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[...] Wahrlich, das ist ganz fürchterlich schmutzig von George W. Bush und seinen Republikanern, die sich wohl nur noch so gegen eine drohende Niederlage wehren können, denn “einer neuen Umfrage zufolge haben die oppositionellen Demokraten kurz vor der Wahl weiterhin einen deutlichen Vorsprung in der Gunst der Wähler.” Kommt es unterdessen anders als SPIEGEL online sich das wünscht, wird es John Kerry gewesen sein und ein “Schmutzwahlkampf”, bei dem “vor allem die Republikaner [..] vor fiesen Tricks nicht” zurückscheuten. [...]